Was ist Stress? - Teil 1

Aktualisiert: 23. Juni 2020

Stress, Stress, Stress – jeder kennt‘s!

„Tut mir leid, ich kann nicht – ich hab zurzeit so einen Stress“.

„Sorry, dass ich mich nicht gemeldet habe, es ist zurzeit so stressig“.

„Ma bitte, stress mich jetzt nicht!“


Stress ist ein, von uns, sehr inflationär verwendeter Modebegriff. Wir reden oft davon; haben ihn alle; der eine steht drauf; die anderen leiden darunter. Es gibt da wirklich sehr konträre Zugänge zu diesem Thema. Aber wurscht auf welcher Seite du dich befindest – es schadet nicht, ein bisschen mehr über dieses „Stressphänomen“ zu erfahren. Informationen sind wichtig, um sich eine gute eigene Meinung zu bilden.


Ein richtiger Umgang mit Stress und Stressmanagement ist ein enorm wichtiges Thema. Es sollte unbedingt in einem Atemzug mit Ernährung und Bewegung genannt werden, wenn man von seiner Gesundheit redet.


Das ist jedoch leider noch nicht der Fall.


Die dazugehörigen Zahlen aus unserem Gesundheitssystem sprechen jedoch für sich. 44% aller Österreicher sind bereits in einem Burnout oder sind burnoutgefährdet. Die Tendenz der mentalen und psychischen Erkrankungen ist stark steigend. Bis 2030 prognostiziert die WHO (World Health Organisation), dass Depressionen die häufigste gesundheitliche Einschränkung der Bevölkerung sein werden. (falls wer die dazugehörigen Studien möchte, schreibt's mir in den Kommentaren)


Und mit diesen psychischen Erkrankungen gehen auch physische einher. Die Zahl chronischer Erkrankungen wie z.B.: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, bleibende Schädigungen nach Schlaganfällen und Unfällen, rheumatische Erkrankungen, Migräne, Diabetes mellitus, Multiple Sklerose, chronische Erkrankungen der Atemweg oder Krankheiten des Magen-Darm-Traktes steigt stetig an.


Vielleicht fragt ihr euch jetzt - warum erzähle ich euch das alles? Was haben diese Zahlen, diese Krankheiten jetzt mir Stress zu tun? Im Folgenden werdet ihr die Erklärung finden, warum all diese Krankheiten direkte Konsequenzen von zu viel Stress sind!


Mehr als die Hälfte aller 60-jährigen sind nicht mehr gesund. Und dabei ist das gerade mal unser Pensionsantrittsalter. Das heißt wir "hakeln" bis dorthin, freuen uns die ganze Zeit auf die Pension und sind dann krank, wenns so weit ist und könnens nicht genießen!


Gesund alt zu werden - ist mein Ziel!

...und auch der Grund warum ich mich für mein Studium zur "Gesundheitspädagogik und Gesundheitsförderung" entschieden habe. In meinem Lehrplan hat das Thema "Psychosoziales" und "Stress" schon den gleichen Stellenwert bekommen, wie gesunde Ernährung und Bewegungsförderung. Nur leider hat sich dieser Umstand - das Bewusstsein für Stress und die psychosoziale/mentale Gesundheit - noch nicht in unserer Gesellschaft durchgesetzt.


Das möchte ich ändern und im Folgendem die wichtigsten Informationen zum Thema Stress mit euch teilen. Damit jeder dieses Thema wirklich versteht, lernen kann damit umzugehen und sich vielleicht sogar mit dem Stressthema anfreunden kann, denn "Stress" begleitet uns unser ganzes Leben lang.


Nehmts euch a bissl Zeit dafür - dieser Artikel ist nicht in 5 Minuten gelesen. ;)


1. Definition von Stress


Starten wir mit der Definition von Stress:


Wenn ich bei meinen Vorträgen so in die Runde frage, was für sie Stress ist, kommen meistens so Aussagen wie: "Deadlines", "Termine", "der nervige Partner", "die quegenlnden Kinder", "der ungeduldige und cholerische Chef" etc.. auf jeden Fall sind es immer Dinge im "AUSSEN".


Diese Dinge sind jedoch sogenannte Stressoren - "Dinge die STRESS bei uns auslösen".


Stress selbst, ist vom Dr. Hans Selye (dem Urvater der Stressforschung) als die unspezifische Reaktion unseres Körpers auf Anforderungen aller Art definiert worden. Er hat einen bereits bestehenden Begriff aus der Physik verwendet und ihm die Bedeutung gegeben, die wir heute so häufig verwenden.


Der ursprüngliche engliche Begriff aus der Physik "stress" steht für die Spannungen in einem Material, die entstehen, wenn dieses Material von außen belastet wird. Aber auch dazu später noch mehr...


Was heißt das jetzt? "Stress ist die unspezifische Reaktion unseres Körpers auf Anforderungen aller Art..."

...Stress ist eine Reaktion in unserem Körper, die durch alles, was uns fordert, alles was uns irgendwie belastet - ausgelöst wird!


Und um das genau zu verstehen, ist es auch wichtig zu wissen - wann genau fordert uns was, wann belastet uns was? :


...dazu möchte ich zuvor noch erzählen, warum der Dr. Hans Selye sich genau diesen Begriff "stress" ausgesucht hat. Tatsächlich war es so, dass er eigentlich nach etwas ganz anderem geforscht hat, dort kläglich gescheitert ist und aus der Not eine Tugend gemacht hat.

Er war nämlich auf der Suche nach einem noch unbekannten Eierstockhormon und hat dazu Laborraten verschiedene Hormone injiziert, in der Erwartung, dass sie alle, je nach injiziertem Hormon, andere Reaktionen zeigen werden. Das war nicht der Fall - bei allen traten die gleichen Reaktionen auf: eine vergrößerte Nebenniere, ein hoher Cortisolspiegel, Magengeschwüre und eine verringerte Immunität. Er hatte so, viel Zeit und Forschungsgelder in den Sand gesetzt.

Aber den 'götternseidank' hat er an diesem Punkt nicht aufgehört mit seiner Forschung. Er hat weitere Studien gefunden, wo die selben Reaktionen dokumentiert wurden - nun aber bei Menschen, die zum Beispiel große Verbrennung erlitten hatten oder Infektionen nach großen Operationen.


Und er erkannte eine Gemeinsamkeit - ob es die Ratten auf der Versuchsbank waren, Menschen, die bei einem Brand irgendwo eingesperrt waren oder Betäubte bei Operationen - sie alle konnten sich nicht wehren. Sie waren bewegungsunfähig, handlungsunfähig, hatten das Gefühl der Situation ausgeliefert zu sein und dass sie die Situation mit ihren eigenen Ressourcen nicht bewältigen können.


Und jetzt komme ich wieder darauf zurück, was es heißt, wenn wir "gefordert" bzw. "belastet" sind. Denn wenn solche Gefühle, wie hier oben beschrieben, auftreten, dann gibt es eine Stressreaktion bei uns im Körper. Das heißt nochmals: Wir haben Stress, wenn wir das Gefühl haben nicht so frei handeln zu können, wie wir gerne würden (Einschränkungen von außen z.B. Chef, Eltern oder auch von innen - durch uns selbst auferlegt - z.B. "jetzt habe ich eh 5 Jahr lang Bauingenieurwesen studiert - jetzt muss ich auch bis an mein Lebensende in der Branche tätig sein) oder einfach wenn wir das Gefühl haben zu wenig Ressourcen zur Verfügung zu haben (z.B. zu wenig Zeit, zu wenig Kraft, zu wenig Energie, zu wenig Wissen, zu wenig Kompetenz, zu wenig "schön", zu wenig "gut", zu wenig Geld).


All das - und da gibt es noch unzählige Beispiele mehr - sind solche Anforderungen und Belastungen, die eine Stressreaktion bei uns im Körper auslösen.


ÜBUNG:

Wenn du möchtest kannst du dir an dieser Stelle selbst ca. 5-10 min. Zeit nehmen und dich selbst fragen und reflektieren: Habe ich irgendwo das Gefühl in meinem Leben nicht so frei handeln zu können, wie ich gerne würde? Fühle ich mich irgendwo eingeschränkt? Habe ich irgendwo das Gefühl zu wenig Ressourcen zur Verfügung zu haben?



2. Stress verstehen


Was passiert dann bei einer Stressreaktion im Körper?

Und was sind die Folgen, wenn diese Reaktion sehr lange anhält?


Ca. 20 Jahre bevor Hans Selye den Begriff Stress definiert hat, hat der Physiologe Walter Bradfort Cannon - die "Fight or Flight" - Reaktion bekannt gemacht.


Vielleicht kennt diesen Begriff schon der/die eine oder andere von euch - das ist diese Geschichte mit dem Säbelzahntiger:


Wenn damals in der Steinzeit ein Säbelzahntiger vor uns aufgetaucht ist, hatten wir nur zwei Möglichkeiten um zu überleben: wir konnten versuchen so schnell wie möglich vor ihm davon zu laufen oder gegen ihn zu kämpfen! Und unser Organismus hat es geschafft sich an solche Gefahrensituationen anzupassen und dort all unsere Kräfte, auf das wesentliche konzentriert, zu bündeln.


Die Stressreaktion ist also ein uralter Mechanismus, der superwichtig und ganz entscheidend für unsere Evolution war. Aus dem Grund wird sie von den ältesten Teilen unseres Gehirns - dem Stammhirn und dem limbischen System - gesteuert.

Die Stress-Reaktion war (und ist heute noch in manchen Fällen) überlebenswichtig! Denn dank ihr schaffen wir es, in Sekundenschnelle, unseren ganzen Organismus umzustellen und auf Hochleistung zu trimmen.


Bei akuter Gefahr werden Impulse vom Gehirn durchs Rückenmark an unsere Organe weitergegeben, welche die schlagartige Freisetzung von Adrena